Die Vogelqueen
Shownotes
Ein Feuchtgebiet in Polen, sechs Uhr in der Früh. «Was ist das für ein Kerzenständer?», wundert sich eine vorbeigehende Spaziergängerin. Doch die Apparatur ist kein Kerzenständer, es sind zwei Mikrofone, mit denen Izabela Dłużyk das einfängt, was ihrem Leben die überraschendsten Wendungen verliehen hat: Vogelstimmen. Etwa 300 Vogelarten kann sie nur anhand ihres Gesanges unterscheiden – ohne sie je gesehen zu haben, denn sie ist von Geburt an blind. Obwohl Izabela Dłużyk von der BBC unter die 100 einflussreichsten Frauen der Welt gewählt wurde, nebst etwa Michelle Obama, haben viele Menschen ihren Namen noch nie gehört. In seiner liebevollen Reportage porträtiert Łukasz Pilip eine Frau, die niemals kapituliert und sich nicht mit dem Platz abgefunden hat, den andere für sie vorsahen.
Herzlichen Dank an Izabela Dłużyk, die uns Ihre Aufnahmen der Vogelstimmen zur Verfügung gestellt hat.
Text: Łukasz Pilip Sprecherin: Blanka Winkler Übersetzung aus dem Polnischen: Barbara Sauser Interview: Dmitrij Gawrisch mit Łukasz Pilip Redaktion und Konzept: Dmitrij Gawrisch und Monika Gies Sounddesign: Benjamin Ruddat (Hörsaal 167)
Transkript anzeigen
00:00:02: Repartage live.
00:00:03: Weltgeschehen im Podcast-Format, gelesen von Blanka Winkler
00:00:09: Die Vogelkwinge Von Lukas Pilip Komm!
00:00:15: Ich zeige dir etwas.
00:00:17: Es ist im oberen Stock – ich gehe voraus Denkt dran oben an der Treppe die Gittertür einschnappen zu lassen.
00:00:23: Sonst schlüpft mein blinder Katern unseren Bein vorbei.
00:00:27: So wir sind da.
00:00:36: In diesem Zimmer halte ich sechs Nymphensättiche.
00:00:40: Sie sind meiner Meinung nach die idealen Papageien.
00:00:42: Nicht ständig am schwarzen wie Wellensittiche, auch nicht mit deren Temperament eines alten Ehepaares.
00:00:49: Nymphensittige sind wie junge Verliebte – kaum Streit viel Liebe!
00:00:53: Wo der eine ist, ist auch der andere.
00:00:56: zart beseitete Wesen.
00:00:59: Der erste Vogel darf ich vorstellen?
00:01:02: Zytrinker Ein Weibchen.
00:01:05: Ihr Pfeifen ist unverkennbar Noch einfacher es dir an den Beinen zu erkennen Beziehungsweise daran, dass sie keine mehr hat.
00:01:12: Auch die Handschwingen diese kräftigen stabilen Außenfedern an den Flügeln fehlen ihr.
00:01:17: Fliegen kann sie deswegen nicht aber sie ist immer noch eine ziemlich gute Tonerin!
00:01:22: Sie hakt sich mit dem Schnabel an den seitlichen Gitterstäben ein.
00:01:26: auf diese Weise klettert sie fast zwei Meter hoch.
00:01:29: gerade sitzt ja auf einem der unteren Bretter Hörst du?
00:01:34: Dieses Pfeifen klingt anders Schüchtern Nach dem Motto ich singe mal Weiß aber nicht, was dabei herauskommt.
00:01:43: Das ist ganz sicher Tupthusch – der wagemutigste Sänger von den sechs.
00:01:47: Er probiert tagelang herum, was er noch Neues pfeifen könnte.
00:01:51: Beine hat er, aber keine Zehen!
00:01:54: Er hat sein Reich in den oberen Etagen des Käfigs errichtet.
00:01:58: Heute höre ich ihn jedoch von ein bisschen weiter unten….
00:02:03: Oho, einen Schnaufen?
00:02:05: Gleich darauf unsicheres Pfeifen... Alles klar, das muss Kameleks
00:02:10: sein.".
00:02:11: Ein zwanzigjähriger Senior, nicht mehr fit genug zum Fliegen.
00:02:15: Er ist mit Pjernicek befreundet – sie putzen sich gegenseitig.
00:02:19: Allerdings übertreibt Kamelik es gern und reißt seinem freund die Federn vom Kopf.
00:02:24: Er sitzt auf der obersten Stange nicht wahr?
00:02:28: Mit Miesha ist das einfacher!
00:02:30: Sie ist krank und deswegen gezwungen am Käfigboden zu bleiben.
00:02:33: Ihre Wegen habe ich die Seitenwände verbarrikadiert, sonst würde sie hoch klettern stürzen, sich die Knochen
00:02:39: brechen.".
00:02:40: So wie ihre Flügel, die sie sich schon fünfmal gebrochen hat.
00:02:44: Einer muss vielleicht amputiert werden – auch ihre Beine sind dahin?
00:02:49: Ich nehme Misha mal auf die Hand!
00:02:51: Bestimmt hat sie sich in der rechten Ecke versteckt.
00:02:54: Erwischt.
00:02:56: Siehst du, wie sie mit dem ganzen Körper atmet?
00:03:00: Das kommt von einer Deformation des Brustbeins und der Wirbelsäule.
00:03:04: Die Flüge reichen bis knapp unter das Kinn.
00:03:07: Ich gebe ihr noch vier Jahre.
00:03:09: Länger wird ihr geschädigter Organismus nicht durchhalten... Fehlt noch Kai Tech.
00:03:15: Er ist unverwechselbar, seit er sich vor langer Zeit einen Flügel gebrochen hat kann er nicht mehr fliegen.
00:03:21: Er kreist gerade vom untersten Brett aus!
00:03:26: Wie ich es geschafft habe jeden Papagein nur anhand seiner Laute zu erkennen?
00:03:31: Ich kann nichts sehen aber hören kann ich doch!
00:03:35: Noch mehr spannende Geschichten von herausragenden Autorinnen und Autoren findet ihr unter reportagen.com oder überall wo's Podcasts gibt.
00:03:44: Die Schulzeit begann mit Problemen.
00:03:48: Ich bin neunzehntnachundachtzig auf die Welt angekommen, dreizehn Wochen zu früh, extrem früchen, so nannten die Ärzte mich?
00:03:56: Man hatte mich daher solange wie möglich in Mutters Bauch behalten ohne auf die geplatzte Fruchtblase zu reagieren.
00:04:02: erst als meine Mutter langsam das Bewusstsein verlor wurde die Geburt eingeleitet.
00:04:07: Als ich da war freuten sich alle!
00:04:09: Ich wirkte gesund.
00:04:12: Fast ein Jahr später wurde jedoch eine frühgeborenen Retinopathie erkannt.
00:04:17: Die Gefäße in der Netzhaut meiner Augen entwickelten sich falsch, als ich auf die Welt kamen waren sie noch nicht fertig ausgebildet – mir drohte Erbelindung!
00:04:27: Es gab auch eine allerletzte Behandlungsmöglichkeit in den USA.
00:04:31: Das konnten wir uns nicht leisten also starteten meine Eltern eine Sammelaktion.
00:04:36: Mit dem Geld das auf diese Weise zusammenkam konnten wir mehrere Operationen in Boston bezahlen.
00:04:42: Vor Ort klärten uns die Ärzte darüber auf, was sowohl auf mich als auch auf meine Mutter zukommen würde.
00:04:48: Die Schäden an der Netzhaut waren auf beiden Seiten zu groß trotz der Operationen.
00:04:53: Gleichzeitig versuchten sie noch, meine Mutter zu beruhigen, sagten immer wieder – machen Sie sich keine Sorgen!
00:04:58: In diesem Alter kann das Seevermögen sich noch spontan regenerieren.
00:05:03: Später testeten meine Eltern immer wieder ob ich zu sehen anfing.
00:05:08: Sie zeigten mir Klötzchen und fragten – Sag mal ist er hell oder dunkel?
00:05:13: Ich verstand nicht.
00:05:14: Ein Klötzchen war einfach ein Klötztchen, es unterschied sich von den anderen Klötzen durch seine Form – ich tippte auf irgendeine Farbe.
00:05:22: Falsch geraten?
00:05:24: Ich hatte keine Ahnung und wollte einfach so schnell wie möglich weiterspielen!
00:05:28: Auf diese Weise wurde klar, dass ich nie sehen würde….
00:05:34: Am Anfang meiner Zeit im Kindergarten dachte ich, dass alle Kinder sich wie ich verhielten, das auch sie versindlich gegen Grigale traten mit der Hand nach der Puppe tasteten und sich anonym begegneten.
00:05:46: Wir waren ja dreißig Kinder in der Gruppe, zu viele um sich zu jeder Stimme einen Namen zu merken.
00:05:52: Erst später fiel mir auf dass die anderen sich anders verhielten.
00:05:58: Eigenartigerweise malte ich damals gern.
00:06:01: Das lag sicher an einem Kinderlied in dem es um Bundstifte ging.
00:06:05: Die Kinder sangen so schön.
00:06:07: Wenn ich sie brav bitte, malen Sie alles was ich will Mir gehorchten die Stifte allerdings nicht.
00:06:14: Immer malte ich über die Linien.
00:06:16: Die Erwachsenen erkannten nicht wen oder was sich zeichnete, doch das kümmerte mich nicht.
00:06:22: Ich wusste dass Kinder nicht alles können?
00:06:25: Von den Erwachsenden hörte ich wie schön alles bunte sei!
00:06:28: Meine Zeichnung also bestimmt auch.
00:06:31: Schließlich benutzte ich die ganze Palette an Bundstiften.
00:06:34: Ich liebte auch Malfarben vor allem wegen eines Liedes dessen Refraso lautete.
00:06:45: Meine Eltern hingegen teilten meine Sorglosigkeit nicht.
00:06:49: Sie zerbrachen sich den Kopf darüber, wie sie mir den Weg in die Zukunft ebnen konnten.
00:06:54: Ihre Idee?
00:06:55: Durch Sprachen!
00:06:56: Also wechselte ich in den Kindergarten Nummer sixty-fünf in Danzig – eine Gruppe, in der die Erzieherinnen ausschließlich Englisch sprach.
00:07:04: Ich lernte eine neue Sprache und die Regeln, die untersehenden gelten….
00:07:10: Meine Altersgenossen streckten die Arme nicht vor sich aus, befühlten andere nicht... Prüften nicht nach, wer vor ihnen stand.
00:07:18: Also verzichtete auch ich darauf... Die Leute flüsterten?
00:07:23: Das ist dieses traurige Mädchen!
00:07:27: Meine Grundschulzeit begann mit einem Problem Ich konnte nicht die gleiche Schule besuchen wie mein Bruder.
00:07:33: Man wollte mich nicht aufnehmen weil ich blind war.
00:07:36: In meiner Klasse bildeten sie Mitschülergruppen.
00:07:38: Die anderen Kinder schlossen mich aus.
00:07:40: Sie hänselten mich nicht.
00:07:42: Nein, ich war ihnen einfach egal.
00:07:45: Schließlich kam ich in eine Inklusionsklasse.
00:07:48: Dort gab es Kinder mit Down-Syndrom, geistig Behinderte die ihre Gefühle nicht immer im Griff hatten.
00:07:54: Sie schüchterten mich nicht ein – die Lehrer lobte mich sogar für meinen Umgang mit ihnen?
00:08:00: Das ist für mich das Wertvollste was ich aus dieser Schule mitgenommen habe….
00:08:04: dass ich mich nicht befangen fühle wenn ich mit Menschen spreche die anders sind!
00:08:10: In den oberen Grundschulklassen hatte immer jemand Klassendienst.
00:08:13: Dazu gehörte, die Zimmerpflanzen zu gießen, die Wandtafel zu reinigen und mich von Schulzimmer zu Schulzimmers zu führen.
00:08:21: Ich kam nicht mehr ohne weißen Stock aus!
00:08:25: In der zweiten Klasse hatte ich gelernt mit ihm vorzubewegen.
00:08:29: Die Lehrerin sagte, ich müsse ihn halten wie ein Suppenlöffel rechts weil das meine Alltagshand ist Das rechte Bein vor den Stock nach links schwingen und umgekehrt.
00:08:40: dieselbe Lehrerin brachte mir auch die Breilschrift bei.
00:08:44: Beides war Zusatzunterricht, der oft Vorschulbeginn stattfand wenn der Rest meiner Klasse noch schlief.
00:08:50: Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen aber ich fand bald ein Mittel gegen den Stress Früher ins Bett gehen und weniger über den kommten Tag nachdenken.
00:09:02: Eine Breiltafel ermöglichte mir das Schreiben.
00:09:05: Man legt einen Blatt zwischen zwei Metallplatten.
00:09:08: Die obere Platte enthält ein Zellgitter in das man stechen kann.
00:09:13: Ein Breilschriftzeichen besteht aus einer Zelle mit maximal sechs Punkten Drei pro Spalte.
00:09:19: Zum Stechen der Buchstaben drückt man die Nadel am richtigen Ort ins Papier, geschrieben wird von rechts nach links.
00:09:25: Zum Lesen zieht man das Papier heraus und dreht es um.
00:09:29: Die Zeichen sind dann nach außen gewölbt.
00:09:32: Manchmal blutete mir von der Nadel der Ringfinger.
00:09:36: Ein Jahr nach meinen ersten Schreibversuchen bekam ich eine Punkt-Schriftmaschine.
00:09:40: Sie hatte sieben Tasten Sechs entsprechend der Anzahlpunkte einer Breilzelle.
00:09:45: Jede entsprach einem Punkt.
00:09:47: Die siebte war die Lehrtaste In der vierten Klasse erhielt ich eine Karte mit euren Buchstaben.
00:09:54: Es waren welche zum Tasten!
00:09:56: Ich prägte mir die Beuchlein, Schwänzchen und Striche ein, konnte mit den Fingern das ganze Alphabet erkennen – aber es gelang mir nicht, die Buchstabe fließend zu einem Wort zusammenzusetzen ohne die Hand vom Papier zu lösen.
00:10:08: Hieroglyphen der Sehnten wütete ich und gab's auf.
00:10:13: Stattdessen las sich Breil von früh bis spät, bekam immer mehr
00:10:16: Übung.".
00:10:17: Die Lektüren dieser Jahre haben mich fürs ganze Leben geprägt.
00:10:22: Großen Eindruck macht auf mich ein Satz aus der Farnblüte von Josef Ignacy Kraszewski, wer seinen Glück nicht teilen kann für den gibt es kein Glück.
00:10:32: oder einer aus Cornell Makushinsky's Streit um Bascha.
00:10:36: Bitterer Schmerz und harte Qualen machen die folgende Freude umso süßer.
00:10:48: Ich sah die Vögel nicht aber ich erkannte sie als sich neuen Wahrzogen wählen unser Haus am Stadtrand von Danzig.
00:10:57: Meine Eltern hatten es gebaut.
00:10:59: Sie freuten sich, dass sie endlich keine Miete mehr zahlen mussten.
00:11:03: Das Haus hatte einen großen Vorteil – die Wiesen ringsum!
00:11:07: Ich war begeistert von den Lärchen, die dort lebten.
00:11:09: Sie sangen alle durcheinander.
00:11:11: Ihre Triller entzippten mich lang, vermischt mit Pfeiftönen in hoher Tonlage hektisch oder ekstratisch.
00:11:20: Ich betrachtete sie fast als Theophany, als ob Gott persönlich durch sie sprechen würde….
00:11:27: Die Lärchen fasziniert mich viel mehr als es jedes Haustier konnte, egal ob Katze oder Kaninchen.
00:11:34: Meine Mutter versuchte es mit beiden zu meinem elften Geburtstag sogar mit einer deutschen Schäferhündin – aber ich wollte nicht mit dem Hund spielen oder mit dem Kaninchenkuscheln, lieber wollte ich lauschen, ob die Lärchens schon da waren!
00:11:47: Die verstehen dich doch gar nicht, versuchten meine Mutter mir gut zuzureden, schmiegen sich nicht an und wedelnicht mit dem Schwanz… Doch dafür sang
00:11:56: sie!".
00:11:58: Mit Hilfe eines Vogelexikons auf CD lernte ich Ihre Stimmen.
00:12:02: Zu jedem Vogel gab es ein paar Sekunden Aufnahme, Ich versuchte mir das spezifische Zwitschern jedes einzelnen Tieres zu merken.
00:12:09: Wenn ich nicht mehr wusste ob ich gerade einen Gimpel oder eine Amsel singen hörte startete ich die CD sofort neu Oder belästigte meine Tante?
00:12:19: Sie hatte als einzige der Familie Internet.
00:12:22: Gemeinsam stöbert wir uns online durch eine polnische Multimedia-Enzyklopädie Wie gut man dort die Haustau behören konnte.
00:12:30: Weder Echo noch Straßenlärm stürten ihr.
00:12:37: Zu diesem Zeitpunkt konnte ich bereits rund fünfzig Vögel bestimmen.
00:12:41: Unter dem Weihnachtsbaum fand ich Aufnahmen von Vogelstimmen, es war eine Sammlung des Biophysikers Boris Weprinev und des Biologen Fred Jussi.
00:12:51: Dank ihnen lernte ich die mir noch unbekannte Misteldrossel kennen.
00:12:55: Die größte unter den polnischen Drosselarten pfeift ziemlich oft.
00:12:59: Sie beginnt im Februar zu singen, einen flötenähnlicher Klang ein bisschen wie der einer Amsel.
00:13:05: Aber ich ließ mich nicht in die Irre führen?
00:13:09: Bald konnte ich das ganze CD-Lexikon auswendig!
00:13:12: Dank der Aufnahmen konnte ich die Vögel rund um unser Zuhause identifizieren – die häufigsten Gimpel, Perol, Fitis, Kukuk, Nachtegal, Kohlmeise, Distelfink, Krähe Ammer Ringeltaube.
00:13:28: Die selteneren Kibitz, Reepuhn, Wachtell Bluthenflinge.
00:13:34: Die Tiere waren wie ein Kalender.
00:13:36: Ende März begann der Hausrotschwanz zu singen etwa im April die Nachtigall.
00:13:41: Im Mai und Juni lernte der Wachtekönig.
00:13:48: Ich hielt alle Vögel rund um unser Haus mit einem Sony-Diktiergerät auf Bandfest.
00:13:53: Trotz des Knisterns und Rauschen war ich beim Anhören begeistert von meinen Aufnahmen.
00:13:57: Endlich konnte ich ein Verzeichnis der gefiederten Wiesenbewohner erstellen.
00:14:02: Ich erfasste siebzig Vogelarten, Schönheit kann die Welt hätten?
00:14:15: Ein Feuchtgebiet sechs Uhr früh!
00:14:18: Was ist das für einen Kerzenständer?
00:14:20: Wundert sich eine Spaziergängerin, die vorbeigeht?
00:14:23: Es ist kein Kerzen-Ständer es sind meine zwei Mikrofone.
00:14:27: Für einen besseren Stereo Sound habe ich sie im Abstand von fünfzehn Zentimetern an einer Schiene befestigt.
00:14:34: Ich lasse sie gewöhnlich in einem Gebüsch stehen.
00:14:37: Später höre ich mir an, welche Vögel ich im Laufe einiger Tage erwischt
00:14:40: habe.".
00:14:42: Wenn die Leute von meinen Aufzeichnungen hören, sagen Sie, erstellt doch eine Klangkarte Polens mit den Vögeln!
00:14:48: – Dazu fehlen mir die Voraussetzungen, antworte ich.
00:14:52: Ich kann nicht abends um elf Uhr alleine an einen Strand fahren, um einen Alpenstrandläufer aufzunehmen.
00:14:58: In Sümpfen finde ich mich nicht zurecht.
00:15:00: Klar könnte ich meine Familie unter Druck setzen.
00:15:02: Ich bin noch
00:15:03: blind!".
00:15:04: Doch ich will weder meine Behinderung ausnutzen noch meine Mutter.
00:15:08: Aber im Mai steht sie bereits morgens um drei Uhr auf, wenn ich in den Wald
00:15:12: will.".
00:15:14: Warum so früh?
00:15:15: Weniger Wind!
00:15:16: Nach nicht so viele Insekten unterwegs.
00:15:18: Kühlere Temperaturen – dadurch kann sich der Schall besser ausbreiten.
00:15:23: Zu dieser Tageszeit tauschen die Vögel untereinander ihre Morgen-Nachrichten aus.
00:15:29: Früher dachte ich, dass man nur Ohren braucht, um sie zu hören.
00:15:32: Weit gefehlt….
00:15:34: Man braucht auch Kopfhörer und ein Parabolspiegel.
00:15:37: Ein solchen kann man sich vorstellen wie eine Art Teller für das Mikrofon.
00:15:41: Er sieht aus wie ein Satellitenschüssel!
00:15:43: Wenn man den Parabulspiegel sehr präzise auf eine Lärche ausrichtet, hört man ihren Gesang deutlicher.
00:15:51: Warum eigentlich Vögel?
00:15:54: Mir geht es nicht darum immer neue Arten abzuhaken.
00:15:57: Vögel symbolisieren etwas Gutes und Schönes – nicht zufällig schrieb Dostoyevsky dass Schönheit die Welt retten werde.
00:16:06: Ich konnte die anderen Menschen nie sehen.
00:16:08: Sie sahen mich aber auch nicht.
00:16:11: Als Kind spielte ich mich im Unterricht mit meinen Aufnahmen auf.
00:16:14: Ja, ja", sagte die Naturkundelehrerin, »mach unbedingt weiter damit!«.
00:16:20: In der Klasse war ich allerdings die einzige, die sonderbare Vortragsthemen wie Enten oder Pelikane wählte.
00:16:26: Es beeindruckte selten jemandem – genauso wenig beeindrucktem mein Wissen über andere Vögel-, Reptilien- und Insekten.
00:16:34: Obwohl es weit über das hinausging was im Lehrbuch stand bekam am Ende des Schuljahres diejenigen Bestnoten die sich innerhalb des Lehrplans hervortaten.
00:16:43: Aus dieser Gleichgültigkeit schloss ich, Ich nehme dämliche Vögel auf, die bedeutungslos sind!
00:16:50: Sie werden weder deine Ausbildung noch dein Leben
00:16:52: beeinflussen.".
00:16:55: Zum Glück hatte ich eine Freundin.
00:16:57: Ich nenne sie für diesen Text Veronica um Missverständnissen gleich vorzubeugen?
00:17:02: Es war keine harmonische Beziehung.
00:17:04: wir gingen in dieselbe Klasse.
00:17:06: Veronica weinte wenn sie etwas nicht tun wollte.
00:17:09: Meine Aufnahmen interessierten sie nicht.
00:17:12: Manchmal schrie sie wütend, hau ab.
00:17:14: Aber das war wegen ihrer geistigen Behinderung.
00:17:17: Es war mir egal dass wir keine tieferen Gespräche führen konnten.
00:17:21: Niemand setzte sich so für mich ein wie sie.
00:17:24: In der fünften Klasse weigerte sie sich auf eine andere Schule zu wechseln.
00:17:28: Wegen mir Verstehst du?
00:17:32: Ein Jahr später hatten meine Eltern und ich ein Gespräch bei einer Kinderpsychologin.
00:17:37: Sie befand, dass die Integration an meiner bisherigen Schule misslungen war.
00:17:41: Wir überlegten, wie es weitergehen sollte.
00:17:44: Es gab nur einen Ausweg!
00:17:46: Ich entschied mich für eine neue Schule – das blinden Gymnasium in Lasky.
00:17:51: Die Schule arbeitete mit Ordensschwestern zusammen.
00:17:54: «Vielleicht willst du's dir doch noch einmal überlegen?« sagte meine Mutter.
00:17:58: Ihr machte die Distanz sorgen.
00:18:01: Die neue Schule befand sich in der Nähe von Warschau mehr als dreihundert Kilometer von zu Hause entfernt.
00:18:06: Auf keinen Fall….
00:18:07: ich war mir sicher... Und kam an einem Sonntag vor Beginn des Schuljahres in Laskian, kurz vor achtzehn Uhr.
00:18:15: Zufällig traf ich auf ein paar Mädchen die gerade auf dem Weg zur Messe waren.
00:18:19: Auf einmal umringten sie mich – wie heißt du?
00:18:22: Woher kommst
00:18:22: Du?!
00:18:23: Was sind Deine Hobbys!
00:18:24: Welche Musik hörst
00:18:25: Du!?
00:18:26: Ich war sprachlos.
00:18:27: Zum ersten Mal fragte mich Gleichaltrige aus.
00:18:31: Kurzheim ging ich mit ihnen zur Masse dann zum Abendessen in den Speisesaal.
00:18:35: auch die anderen Gruppen hießen die neuen Willkommen mich eingeschlossen.
00:18:40: Wieder war ich verlegen.
00:18:41: Vor dem Essen riefen alle nach Art der Goralen, einer Bevölkerungsgruppe von Bergbewohnern in den Kapaten, segne uns der Herr vom hohen Himmel!
00:18:50: Hey!
00:18:51: Möge es auf Ernan Brot nicht fehlen an Brot und an Erdäpfel nicht hey und an der Liebe zur Mutter
00:18:57: nicht!".
00:18:58: So ist das mir zumindest in Erinnerung geblieben.
00:19:02: Man brachte mich in einem Viererzimmer unter.
00:19:05: In der ersten Nacht quatschten wir sechs Stunden lang.
00:19:08: Die Mädchen weiten mich in die Regeln von Laski ein.
00:19:11: Nummer eins, niemand nimmt die Aufgaben ab.
00:19:14: Der Dienst im Speisesaal erfordert größte Aufmerksamkeit!
00:19:17: Man schneidet Brot, Wurst, Käse, bereitet das Geschirr vor, kocht Tee für eine dreizehnköpfige Gruppe und bringt ihn – wer nicht kann sucht ein Stellvertreter.
00:19:28: Der montägliche Badezimmerdienst?
00:19:30: Erst recht der Wahnsinn….
00:19:32: man muss die Ordensschwester erwischen, die für die Reinigungsmittel zuständig ist... dann heißt es Böden- und Waschbecken-Schrubben.
00:19:39: Aber
00:19:40: Achtung?!
00:19:40: Das Badezimmer besteht aus zwei Räumen.
00:19:43: Und woran erkenne ich die Putzmittel?
00:19:45: Einfach an der Form der Flasche!
00:19:48: Ich merkte schnell, dass nicht alle neuen mit dieser Verantwortung zurechtkam.
00:19:53: Manche der neuen Mädchen kehrten bald wieder nach Hause zurück – aber ich gewönte mich rasch ein.
00:19:59: Ich empfand das System nicht als militärisch strengen.
00:20:02: Vormittags hatten wir Unterricht auch nachmittags, aber in dieser Zeit arbeiteten und lernten mir selbstständig.
00:20:09: Eine Ordensschwester erklärte mir wie man Hosen bügelt Zuerst mit dem Bügeleisen über die eine Seite, dann über die andere Hose umdrehen und noch einmal dasselbe.
00:20:20: Ich bekam auch Unterricht in räumlicher Orientierung.
00:20:23: Wir spazierten über das Schulgelände oder fuhren mit einem Betreuer nach Warschau.
00:20:29: Dort brachte man uns bei im Bus ein und wieder auszusteigen Doch sobald ich Motoren geprumm hörte zog sich mir der Magen zusammen.
00:20:37: An der Haltestelle gab es keine Durchsagen.
00:20:39: Woher konnte ich wissen welche Busnummer vorgefahren war?
00:20:43: Ich hätte es auf gut Glück probieren können, wie ein paar von den anderen Mädchen.
00:20:47: Sie stiegen einen und fragten rasch jemanden nach der Linie Aber dafür war ich ungeeignet.
00:20:54: Mich stresste die Situation viel zu sehr.
00:20:56: Das selbe galt für Spaziergänge draußen mit dem Stock.
00:20:59: Mein Kopf war dann nur noch von Zweifeln erfüllt.
00:21:01: War dieser Weg schon immer so schmal gewesen?
00:21:05: Hätte ich vorher nach links abbiegen sollen?
00:21:07: Halt.
00:21:08: Hier ragte letzte Woche doch eine Gehwegplattempo.
00:21:11: Wo ist sie jetzt Nach dem dritten Gedanken dieser Art verleucht den Überblick, wo ich war.
00:21:18: Bevor ich nach Laski ging hatte ich zum Geburtstag ein Handy geschenkt bekommen.
00:21:22: Alle drei Tage rief ich zu Hause an.
00:21:25: Mehr brauchte ich nicht!
00:21:26: Ich erzählte dass sich von meinen Zimmergenossinnen gut aufgenommen worden war.
00:21:30: Keiner lachte mich wegen meiner Passion aus.
00:21:33: Wenn ich eine CD mit Vogelstimme einlegte waren die anderen neugierig welche diesmal singen würden.
00:21:41: In der Schule entsprach das Niveau etwa dem meiner Grundschule Englisch.
00:21:45: Die Ordensschwestern organisierten mir Einzelunterricht.
00:21:49: Du hast dich weiterentwickelt, sagte eine von ihnen irgendwann.
00:21:53: Das lag vielleicht daran dass ich mich nützlich fühlte Mich nicht mehr davor fürchtete von jemanden abhängig zu sein Mich nicht als Problem betrachtete Dass sich gelernt hatte um etwas zu bitten.
00:22:05: Ich wunderte mich immer seltener darüber gemocht zu werden.
00:22:10: Weniger Rosig sah die Zukunft in Laski aus.
00:22:13: Nach der Unterstufe hätten mich hier entweder eine Berufsschule für Massage oder eine Strickwerkstadt erwartet, wo ich Charles und Pullover hergestellt hätte.
00:22:23: Und so verkündete ich am Ende des Schuljahres – Ich komme nach Hause!
00:22:29: Hast du schon einmal das Verschwinden von Natur gehört?
00:22:32: Nach meiner Rückkehr aus Lasky trat dich zuhause auf die Terrasse.
00:22:36: Ich wollte Aufnahmen vom Gesang meiner gefiederten Nachbarn machen.
00:22:40: Spitzte die Ohren...spitzte sehr neut...kein einer Lärche Auch kein eines Bluthenflings.
00:23:04: Wenigstens das eine Rauchschweibe?
00:23:15: Nein, nur Stille!
00:23:20: Die Vögel sind verschwunden, seufzte meine Mutter.
00:23:23: Genauso wie die Wiesen.
00:23:26: Für Wald hätte ja noch jemand gekämpft oder für ein Feuchtgebiet.
00:23:29: Aber für Wiesen?
00:23:31: Das war einfach ungenutztes Land.
00:23:34: Besser manne ersetzte es durch Spiel- und Parkplätze, Rollrasen, frisch gepflanze Bäumchen und Neubauten.
00:23:41: Auf genau diese Weise wurde die Umgebung meines Zuhauses zerstört.
00:23:46: Damals schwor ich mir, dass sich als Erwachsener eine CD mit dem Titel Wo Die Lärchen Sangen veröffentlichen würde.
00:23:53: Am Schluss eine Minute Stille.
00:23:58: Unter Ornithologen streiten sich manche welche der in Polen vorkomnten Fliegenschnepper.
00:24:02: schöner sinkt Der Sprosser?
00:24:05: Oder doch die Nachtigall?
00:24:07: Ich habe einen Favoriten.
00:24:08: Warte kurz!
00:24:09: Ich schalte den Computer ein.
00:24:11: Ein Moment noch.
00:24:12: jetzt die Lautsprecher.
00:24:14: Ohne sie könnte ich ihn nicht bedienen.
00:24:15: Wenn ich einen Ordner öffne, liest eine synthetische Stimme den Namen vor – auf Englisch weil das schneller geht.
00:24:23: Da ist sie.
00:24:23: endlich die Aufnahme der Nachthegal!
00:24:43: Hast du dir rasante Tonkaskade während des Sings gehört?
00:24:47: Und jetzt mein Liebling…der Sprosser am Fluss Bielbschar aufgenommen.
00:25:14: Seine Silben sind langsamer, er macht längere Pausen.
00:25:17: Am Schluss brilliert er noch mit einer knatternden Sequenz.
00:25:21: Wenn man Aufnahmen macht darf man eines nicht vergessen Die Melodien ein und derselben Art verändern sich im Laufe der Jahre.
00:25:28: Die Vögel lernen voneinander, geben einander Klänge weiter.
00:25:33: Deswegen tönt der Gesangen eines heutigen Fliegenschneppers anders als der Gesang seines Urgroßvaters.
00:25:38: Sie haben auch Dialekte?
00:25:40: Ein Sprosser klingt in Polen anders als in Russland.
00:25:47: Ich schaffte das Abitur Aber reicht es fürs Studium?
00:25:52: Nach der Unterstufe entschied ich mich für das allgemeinbildende Gymnasium Nummer fünf in Danzig Eine humanistische Klasse.
00:25:59: Es trieb mich nicht in die Naturwissenschaften.
00:26:03: Ich hätte ohnehin nicht als Ornithologin oder Zoologin arbeiten können.
00:26:07: Dafür hätte ich nicht nur Ohren, sondern auch Augen gebraucht.
00:26:11: Tiere muss man beobachten!
00:26:15: Meine Großmutter begleitete mich zum Schulbus.
00:26:18: Halb mir beim Einsteigen?
00:26:20: Ich fuhr allein hin kam allein zurück.
00:26:23: In der Schule behandelte man mich normal.
00:26:25: Das war gut.
00:26:26: Die Breitschrift kannten die Lehrer nicht.
00:26:28: Oft vergaßen sie zu erklären, was sie gerade an die Wandhafe schrieben.
00:26:32: Ich hatte keine Schulbüchern breil.
00:26:34: Stattdessen ließ ich normale Bücher durch den Scanner laufen.
00:26:38: Zuerst erfasste er die Buchstaben dann erstellte er eine Textdatei, die ich mir von einer synthetischen Stimme vorlesen lassen konnte.
00:26:46: Nur übersprangen der Scanner manchmal Texte wegen der Bilder in den Büchern.
00:26:52: Vom Unterricht bekam ich nur mit, was ich hörte.
00:26:54: Wenn ich nicht wusste, wie ich eine komplizierte Formel notieren sollte, schrieb ich sie in Worten auf.
00:27:00: Bei komplizierteren Dingen fragte ich bei meinem Banknachbarn nach – aber nur selten.
00:27:06: Hast du kein Bedürfnis mit anderen zu kommunizieren?
00:27:09: fragte mich einmal ein Mitschüler.
00:27:11: Doch klar!
00:27:13: Bloß!
00:27:14: Worüber hätte ich mit den Anderen reden
00:27:15: sollen?!
00:27:16: Die Diskussion meiner Mitschülerin über Make-up oder Klamotten interessiert mich nicht….
00:27:22: Ich gehörte zu den Ungeschminkten und die Kleidung suchte meine Mutter für mich aus.
00:27:28: In den Pausen hatte ich ohnehin kaum Gelegenheit, mich mit jemandem zu unterhalten.
00:27:33: Die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschülern zogen durch die Flure – davor hatte ich Angst!
00:27:38: Die Schule war klein und überfüllt, überall stand ein Rucksäcker am Boden….
00:27:42: nicht einmal mit dem Stock hätte ich mich zurechtgefunden ….
00:27:45: Ich blieb lieber vor dem Schulzimmer.
00:27:49: Exotikum, so bezeichnete ich mich
00:27:51: selbst.".
00:27:53: Die meisten Schüler und Lehrerin hatten zuvor noch nie mit einer Blinden zu tun gehabt.
00:27:58: Immerhin merkten sie sich meinen Namen, es störte mich nicht wenn Sie zum Abschied riefen.
00:28:02: wir sehen uns!
00:28:04: Ich sagte das selbst auch erzählte meiner Mutter wen ich in der Schule gesehen hatte sichernicht wenig gehört hatte.
00:28:13: Kennst du den Witz von der blinden Pilzsamlerin?
00:28:16: fragte mich einmal eine Mitschülerin.
00:28:18: ohne sich viel dabei zu denken Läuft eine Pilzsammlerin durch den Wald.
00:28:23: da sie blind ist steckt sie sich alles, was sie findet in den Mund.
00:28:27: Oh!
00:28:28: Ein Steinpilz ruft sie beim ersten Pilz.
00:28:31: Dasselbe bei einem Pifferlingen und einem Filzhäuerling.
00:28:33: Dann findet sie ein
00:28:35: Kothäufchen.".
00:28:36: Und dann kam die Pohrante.
00:28:37: Sie probiert und ruft voller Freude.
00:28:39: Ich habe Glück, dass ich nicht reingetreten
00:28:41: bin!".
00:28:42: Nein – ich war nicht beleidigt.
00:28:46: Das Abitur schrieb ich in Breilschrift In einem separaten Raum mit einer separaten Kommission.
00:28:52: Am wichtigsten war mir die Englischprüfung weil ich die Sprache als Fach studieren wollte.
00:28:58: Bei der mündlichen Prüfung im Leistungskurs bekam ich eine Aufnahme vorgespielt, auf dieser Grundlage musste ich dann über die Schädlichkeit des Rauchens sprechen – das war kinderleicht.
00:29:09: Anders sah es mit der schriftlichen Prüfung aus.
00:29:12: Ich hatte Englisch immer über die Ohren aufgenommen nie über die Augen.
00:29:16: Manchmal brachte ich durcheinander welche Wörter Doppelbuchstaben hatten.
00:29:20: Das kostete mich Punkte.
00:29:25: So sah mein Resultat in Englisch aus.
00:29:27: Halb so wild, dachte ich.
00:29:29: Aber für ein Anglistikstudium war es zu wenig – ich stand nicht auf der Liste der Zugelassenen!
00:29:36: Mein Traum vom Dschungel in Peru Der Sprosser und Perot klingen am schönsten aber mein Herz gehört den Nymphensittichen.
00:29:45: Den ersten Jupka kaufte ich als Gymnasiastin Die nächsten adoptierte Ich.
00:29:52: Warum Papageien?
00:29:54: Sie pickten nicht einfach nur Körner.
00:29:56: Sie sind auch sehr sozial und pflegen dauerhafte Beziehungen.
00:30:00: Die meisten bilden Paare für das ganze Leben.
00:30:02: Wird einer der beiden verkauft, sind beide traurig.
00:30:05: Sie klagen laut vor Sehnsucht oder verstummen.
00:30:09: Auch ihren Besitzern gegenüberzeigen nymphensittige auf dieses Verhalten.
00:30:13: Ich kann mich erinnern dass ich einmal ein Männchen an mich band.
00:30:17: Davor hatte er keinen Kontakt zu anderen Vögeln gehabt.
00:30:20: Bei meinem Anblick begann er zu singen weil er unbedingt gestreichelt werden wollte.
00:30:25: Das Singen hörte auch nicht auf, als weitere Nymphensittiche dazu kam.
00:30:31: Ich interessierte mich schon als Gymnasiastin für Papageien wegen eines Clips mit südamerikanischer Musik, auf den ich auf YouTube gestoßen war.
00:30:39: Die Qualität der Aufnahme war miserabel – aber im Hintergrund hörte man das zarte Zwitschern von Papageian.
00:30:45: faszinierend!
00:30:47: Ich begann, mich über die Vögel des Amazoners zu informieren.
00:30:51: Erfuhr, dass die Flüsse im Dschungel Hunderte von Papagain anziehen.
00:30:55: Sie belagern die steilen Ufer und piknatriumreichen Leben.
00:31:00: Am meisten beeindruckte mich ihr Geräusch beim Aufliegen.
00:31:03: Es klingt, als würde auf einen Schlag ein Unwetter losbrechen mit tosenden Wellen-und Sturmwind.
00:31:11: Als ich dieses Geräusche zum ersten Mal hörte, griff ich zum Telefon und rief meine Kusine an Ich fahre nach Peru!
00:31:19: Ich will Aufnahmen von Papageien machen.
00:31:22: Du weißt aber dass das weit weg ist?
00:31:24: Klar?
00:31:25: Ab heute spare ich.
00:31:27: Ich schaffe das noch vor dem Rohrstand.
00:31:36: Du hast es vergeigt!
00:31:38: Du hättest es nochmal durchlesen können, du hattest es abschreiben sollen aber nein, du dachtest Es sei gut genug.
00:31:46: Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf als bekannt wurde wer ein Studienplatz bekam.
00:31:51: Mir war klar gewesen dass ich nicht die beste sein würde Aber die dritte auf der Warteliste?
00:31:56: Offenbar war ich ungeeignet.
00:32:00: Nach einigen Tagen jedoch kam eine Nachricht Willkommen im Fachbereich Anglistik der Universität Danzig.
00:32:07: Drei Personen vor mir hatten verzichtet, man teilte mich automatisch der Lehrerausbildung zu – bald geriet ich in Panik!
00:32:16: Wie soll ich als Blinde unterrichten?
00:32:19: Letztlich kam ich dann in die Fachrichtung Übersetzung.
00:32:21: Ich fand erste Gelegenheits-Jobs und im dritten Studienjahr eine halbe Stelle in einem Übersetzungsbüro.
00:32:28: Ich begann auf ein erstes professionelles Mikrofon zu sparen übersetzte juristische Texte, Bedienungsanleitungen für alle möglichen Geräte.
00:32:38: Nach dem Master will ich promovieren, sagte eine Studienkollegin.
00:32:42: Es verdross mich – Ich lobte die Idee!
00:32:45: dachte mir, dass die Schlauen überall durchkommen.
00:32:48: Mir würde wohl nur bleiben bis ans Ende meines Lebensanleitung zu
00:32:51: übersetzen.".
00:32:54: Auf dem Campus bewegte ich mich meistens mit Hilfe eines blinden Hundes fort.
00:32:58: Trotz Zweifeln hatte ich mich nach dem ersten Studienjahr für diese Lösung entschieden.
00:33:03: Luca war eine Labradorhündin.
00:33:06: Ich kümmerte mich um sie, spielte mit ihr aber angesichts meines Verhältnisses zu Hunden war unsere Bindung eher rationaler als emotionaler Natur.
00:33:16: Auch wenn ich mit Luca unterwegs war musste ich die Orientierung selbst behalten.
00:33:21: Die Akustik half mir dabei.
00:33:23: Ein Hörsaal klang anders als ein Flur.
00:33:26: Wenn ich einen Raum betrete verrät mir das Echo seine Größe Woher ich wusste wie oft ich bis zum Raum für englische Literaturgeschichte abbiegen musste?
00:33:35: kinesthetisches Gedächtnis.
00:33:37: Ein Körper hatte den Bewegungsablauf bis zu jenem Raum verinnerlicht.
00:33:44: Alles Wichtige in meinem Leben begann mit Klängen.
00:33:48: In meinem zweiten Studienjahr hörte ich am Fernsehen eine Talentshow, die Teilnehmenden sangen auf Russisch Kadyusha ein beliebtes russisches Volkslied.
00:33:58: Sofort war ich fasziniert.
00:34:00: Obwohl ich die Sprache nicht beherrschte, dennoch verstand ich einiges und begann im Internet zu stöbern.
00:34:06: Ich stieß auf weitere Lieder und entdeckte mein Interesse für russische Verklore, besonders für traditionellen Bauerngesang.
00:34:13: Auch für das Bayan – ein accordionähnliches Instrument!
00:34:19: Am Anfang verheimlichte ich meine neue Vorliebe.
00:34:22: Bei mir zu Hause assoziierte man die Russen mit den drei Teilungen Polens im achzehnten Jahrhundert und mit den sowjetischen Massenerschießungen von Katin während des Zweiten Weltkrieges.
00:34:33: Mein Großvater Ein danziger Werftarbeiter hatte einmal geschrien, weg mit dem Kommunismus.
00:34:41: Aber eines Tages begann ich unversehens zu summen Achtestjebsche Rokaja Ach du weite Steppe!
00:34:48: ein russisches Kusackenlied.
00:34:50: Ich war verloren.
00:34:52: Also konnte ich meinen neuen Wunsch gleich mitteilen.
00:34:54: Ich verkündete meiner Familie dass sich nach dem Anglistik-Master Russistik studieren würde Wie?
00:35:03: Du weißt aber was wir Polen von diesem Land halten.
00:35:06: Meine Familie war entrüstet.
00:35:08: Außerdem gab es ein weiteres Problem, ich beherrschte das russische Alphabet nicht.
00:35:15: Oh!
00:35:16: Eine Amsel vor dem Fenster.
00:35:18: Sie ist eindeutig erschrocken.
00:35:19: Woher ich das so sicher weiß?
00:35:22: Ich erkenne es an der explosiven ungestümmen Kaskade die am Ende ein wenig abfällt.
00:35:29: Ich kann mittlerweile etwa dreihundert europäische Vögel unterscheiden – nicht nur am Gesang auch an ihren Geräuschen beim Fliegen und manchmal sogar an den Lauten der Küken.
00:35:40: Am einfachsten ist es im Wald.
00:35:42: Dort leben Vögel mit einem festen Repertoire, zum Beispiel das Rotkirchen der Buchfink die Singdrossel und die Mönchgrasmücke.
00:35:51: Am Wasser wo Vögle aus der Ordnung der Regenpfeife artigen Leben wird es mit den Lauten komplizierter.
00:35:58: Es ist nicht einfach einen grünen Schenkel von einem Teichwasserläufer zu unterscheiden.
00:36:03: da ihre laute schlicht sind gibt es weniger spektakuläre Unterschiede zwischen ihnen als bei den Singvögeln.
00:36:09: Zudem variieren die Wartvögel ihre Signale.
00:36:13: Sie rufen mal leiser, mal lauter.
00:36:15: Ihre Stimme kann ganz sanft klingen nur um sich ein paar Sekunden später vor Emotion zu überschlagen.
00:36:23: Diese klanglichen Feinheiten haben eine Bedeutung wie im Zwischenmenschlichen.
00:36:27: Schließlich kann man auf unterschiedliche Art und Weise sagen ich mag dich.
00:36:31: Dabei heißt es doch Tiere hätten keine Gefühle.
00:36:36: In dem Jahr bevor ich den Master Abschluss begann nicht Russistik zu studieren.
00:36:41: Dort fühlte ich mich wie zu Hause.
00:36:43: Endlich lernte ich das, was ich wollte.
00:36:47: Lange vor der Zulassung gab' ich in der Warschau-Bibliothek eine Bestellung auf – beschaffte mir drei Russeschleerbücher für Blinde!
00:36:55: Allerdings erkannte mein Scanner die Breilpunkte nicht.
00:36:58: Das Notizgerät machte die Angelegenheit noch komplizierter.
00:37:02: Es unterstützte kirillische Schrift nicht.
00:37:05: Doch ich gab´nicht auf.
00:37:07: Von der Hochschule lieg´m ja ein anderes Notiz-Gerät.
00:37:10: Während der Semesterferien schrieb ich damit alle Bücher von Hand ab.
00:37:13: Wort für Wort!
00:37:15: Immerhin war ich danach sattelfest in Rechtschreibung.
00:37:20: Ich kam in eine Anfängergruppe, hatte aber schon einige Vorkenntnisse.
00:37:25: Die Dozentin befreite mich sogar von der praktischen Sprachprüfung.
00:37:29: Im zweiten Jahr war ich bereits in der Gruppe der Fortgeschrittenen.
00:37:34: Unterdessen hat sich den Mastern Anglistik gemacht.
00:37:37: Als es darum ging ein Thema für meine Masterarbeit in Russistik zu schreiben Entschiede ich mich für das Thema Zaubermärchen im Kontext der traditionellen Werte der russischen Volkskultur.
00:37:49: Wie viele Märchen haben Sie analysiert?
00:37:51: Hundertzwanzig!
00:37:53: So gründlich kannte sich noch niemand mit seinem Thema aus, vielleicht mögen sie daraus eine Dissertation machen, hörte ich bei der Verteidigung.
00:38:02: Ich stand buchstäblich unter Schock.
00:38:05: Zu Hause sagte ich zu meiner Mutter, sie hätten wohl den Verstand verloren – ich hatte sogar vor meiner Betreuerin nach ein paar Tagen diplomatisch
00:38:12: abzusagen.".
00:38:15: Aber sie kam mir zuvor.
00:38:17: Zwei Tage nach der Verteidigung grieße mich an, sagte er ich solle mich beeilen.
00:38:21: Wenn ich meine Unterlagen noch gleichen Tags einreichen würde, nehmen Sie mich vielleicht in die Liste der Anwärter und Anwärterin für eine Dissertation
00:38:30: auf.".
00:38:31: Und sie nahm mich tatsächlich auf.
00:38:33: Selbst das Auswahlgespräch lief gut.
00:38:36: In der ersten Vorlesung zur Hochschuldedaktik hörte ich,"Sie gehören zur intellektuellen Elite".
00:38:43: Als Forschende sind sie verpflichtet, nach der Wahrheit zu suchen.
00:38:47: Doch ich hatte meine schon gefunden und traute weder mir noch dem Urteil des Fachpersonals.
00:38:53: Ich war mir sicher – mich wieder rauswerfen wäre für alle das Beste!
00:38:59: Zwei-tausendsechzehn hörte ich von Rainforest Expeditions einen peruanischen Forschungs- und Ökotourismus unternehmen.
00:39:06: Sie filmten Arapapagein, führten Dschungeltouren in der Region Madre de Dios im Reservat Tambopata durch in der Gegend der lemigen Uferwende des gleichnamigen Flusses.
00:39:18: Genau davon träumte
00:39:19: ich.".
00:39:20: In dieser Zeit startete das Unternehmen eine Sammelaktion für ein Dokumentarfilm über die Erforschung der ARAS.
00:39:28: «Macht das doch auch!
00:39:30: ermunterte mich mein privates Umfeld zu einem eigenen Spendenaufruf, für eine Reise nach Peru – eine Dschungeltour zu dem Papagein.
00:39:37: Mein Bruder würde mich begleiten.
00:39:39: Ohne ihn allein wäre ich auf einer solchen Reise aufgeschmissen.».
00:39:44: Zuerst kontaktierte ich das Unternehmen.
00:39:47: Man versprach sich vor Ort, um mich und meinen Bruder zu kümmern.
00:39:51: Ich hatte dennoch Angst vor der Sammelaktion und fürchtete die Reaktionen der Leute.
00:39:55: Es gab Kinder, die gelbe eine Krebsbehandlung benötigten – dann kam ich mit meiner Marotte den Papageien!
00:40:04: Anfang April-II.
00:40:06: beschloss ich trotz aller Bedenken jetzt oder nie.
00:40:10: Es war der Moment, die Sammelakktionen zu
00:40:12: laussieren.".
00:40:14: Sehr viele Kommentare im Internet waren positiv.
00:40:16: Manche klangen aber auch so, die Blinde will Menschen ausnutzen.
00:40:20: Sie arbeitet bestimmt nicht!
00:40:23: Ich arbeitete sehr wohl, hatte das in der Beschreibung für die Spendenaktion aber nicht erwähnt.
00:40:29: Vom Geld aus dem Übersetzungsbüro konnte ich jedoch nichts zur Seite legen.
00:40:34: Ich hatte fünf Jahre gebraucht um fünftausend Slotty für einen Mikrophon zu sparen etwas mehr als tausend Euro.
00:40:42: Ich kontaktierte alle Vogelbeobachter deren Aufnahmen ich mir angehört hatte schickte ihn den Link zu meiner Sammelaktion.
00:40:49: Ihr braucht nichts zu spenden, schrieb ich.
00:40:51: Es reicht wenn ihr den Link
00:40:52: teilt.".
00:40:54: Auf diese Weise kamen zehntausend Achtundatt Slotty zusammen rund zweitausend Fünfhundert Euro – genug für die Flüge!
00:41:02: Aber ich musste noch das peruanische Unternehmen für die Dschungeltour bezahlen.
00:41:06: Ich berichtete ihn von der Sammelaktion einfach damit sie Bescheid wussten.
00:41:11: Nach ein paar Tagen kam ihre Antwort Wir hatten eine Sitzung?
00:41:15: Wir empfangen dich und dein Bruder kostenlos.
00:41:18: Gründen nannten Sie keine.
00:41:21: Auch der Besitzer des lovakischen Musiklabels LOM meldete sich bei mir.
00:41:26: Er hatte ein T-Shirt mit dem Bild einer jungen Frau gestaltet, die eine Vogelstimme aufnimmt und war zufällig auf meine Sammelaktion gestoßen.
00:41:34: Er sah die Fotos von mir und schrieb Das bist ja du auf dem T-shirt!
00:41:39: Später überwieß er mir den ganzen Verkaufserlös – fünfhundert US Dollar.
00:41:47: Es ging mir nie um Selbstentfaltung.
00:41:51: Tambopatta ist ein Naturschutzgebiet und steht unter der Aufsicht des Peruanischen Umweltministeriums.
00:41:57: Vor dem Abflug musste ich den Beamten Fotos meiner Mikrofone schicken, ihnen erklären was sich damit anzustellen gedachte.
00:42:06: Nach der Ankunft als uns noch eine fünf-Stündige Bootsfahrt zum Basislager im Dschungel erwartete – eine Überraschung!
00:42:13: Auf dem Kahn?
00:42:14: Ich?
00:42:15: Mein Bruder Marek ein Vertreter von Rainforest dazu einen Beamter des Reservats.
00:42:23: Während der Fahrt unterzucker mich einer Prüfung.
00:42:27: Was fliegt
00:42:28: da?!
00:42:29: Ein Ahrer?
00:42:30: Aber was für einer?
00:42:31: Ein Grünflügel-Ahrer, antwortete ich ohne zu zögern.
00:42:35: Er
00:42:35: bejahrte.".
00:42:38: Die Frage war listig!
00:42:39: In Peru leben drei große Ahreraarten – und weitere kleine – der Grün-Flügel-Arrer... ...der Schalach-Ahra… …und der Gelbbrustarra.
00:42:58: Für Ungeübte klingen sie alle gleich.
00:43:01: Aber ich hatte mir vor der Abreise zwanzig CDs über die Vögel Amazoniens gekauft und mir die kennzeichnenden Informationen und Stimmen von über siebzig von ihnen eingeprägt.
00:43:11: Deswegen wusste ich, dass der Grünflügel Ahrer von den Dreien am wenigsten heiser das Ehre bei ihm am undeutlichsten klingt.
00:43:22: Unsere Betreuer hatten eines nicht bedacht – meine Welt bestand aus Klängen, Nichtbildern!
00:43:29: Sie warden mich davor im Basislager das Mikrofon draußen aufzustellen, sonst würde es vom Regenguss weggespült.
00:43:35: Sie wollten mir das Aufnehmen
00:43:36: erleichtern.".
00:43:37: Montierten in unserem Schlafraum zum Wald hin die Wand ab.
00:43:41: So musste ich nicht nach draußen gehen, ich konnte einfach das Mikrofon ans Geländer stellen und
00:43:45: fertig.".
00:43:51: Als erster meldete sich ein Brillenkautz.
00:43:54: Sein Ruf klang wie das Schwingen eines Stockes!
00:43:57: Auf der Endselbe wurde er leiser.
00:44:14: Stimmt dein weiterer Kautz mit ein?
00:44:17: Diesmal einen Haubenkautz.
00:44:19: Es versprach schönes Material zu werden.
00:44:22: Ich hatte eine ganze Woche Zeit aufnahm vom Dschungel zu machen.
00:44:27: Während eines Trackings stießen wir auf eine Rotte Weißbad-Pekaris.
00:44:31: Eine Art Wildschweine, aber kleiner als die bei uns – nicht aggressiv, aber ich würde trotzdem davon abraten sich in ihrer Nähe aufzuhalten?
00:44:39: Sie fraßen und grunzten!
00:44:41: Das Klappern Ihrer Stoßzähne faszinierte mich wie Holz das im Kamin knackt.
00:44:47: Ich nahm vorsichtig das Mikrofon hervor Und da tönt es plötzlich.
00:45:00: Über uns schree ein roter Brüllaffe.
00:45:03: Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ein Affe solche Laute ausstoßen kann.
00:45:07: Sein Gebrüll erinnerte an die Schreie der Orks in Herr Der Ringe – tief, donnernd langgezogen geradezu atonal ohne jede Harmonie.
00:45:17: Er ist eines der lautesten Tiere der Welt.
00:45:19: Seine Stimme wird mehrere Kilometer durch den Dschungel getragen.
00:45:23: Wer weiß ob ich noch einmal in meinem Leben die Gelegenheit haben werde Aus solcher Nähe Aufnahmen zu machen.
00:45:29: Ich stand reglos da.
00:45:33: Heute weiß ich dass neun Tage zu wenig für den Regenwald sind.
00:45:37: Zwei davon verbrachte ich in einem Boot, um zum Basislager und wieder zurückzufahren.
00:45:43: Vor der Reise hatte ich mir Sorgen gemacht, daß der Dschungel mich mit seinen Geräuschen überfordern könnte – unnötigerweise.
00:45:50: Klanglich ist er unkompliziert!
00:45:52: Natürlich es pfeift, raschelt, ruft, quarkt und krechtst ständig… aber es sind einfache Laute.
00:45:59: Die Melodien der meisten Vögel beschränken sich auf einige wenige Töne.
00:46:04: Unsere Mönch- und Gartengrasmücken mit ihren raffinierten Strophen sind ein ganz anderes Kaliber.
00:46:11: Das hängt mit den Besonderheiten des Regenwaldes zusammen, das Laub der dortigen Bäume etwa hat eine andere Struktur.
00:46:19: Komplexe Klangfolgen würden sich dort einfach schlecht ausbreiten.
00:46:24: Eine Frage beschäftigte mich im Dschungel.
00:46:27: Als wir oberhalb der lemigen Uferwände standen und die Aras kreischen hörten gab ich mich ganz diesem Klang hin.
00:46:34: Ich lauschte auch der Aufregung der Umstehenden über die so grünen, so roten manchmal ins orange gehenden Federn.
00:46:43: Wäre ich genauso fasziniert von ihnen gewesen wenn ich diese Farben auch gesehen hätte?
00:46:49: Irgendwann wurden meine Dozentinnen an der Universität auf mein Doppelleben zwischen Vögeln und Dissertation aufmerksam.
00:46:56: Eine der Dozentinen hatte die Artikel gelesen, die im Anschluss meiner Reise nach Peru über mich erschienen waren.
00:47:03: Ich sprach darin über meinen Wunsch, in den Dschungel zurückzukehren um die Aras zu erforschen.
00:47:10: Die Dozentin berichtete meiner Betreuerin davon.
00:47:13: Diese meldete sich bald darauf bei mir.
00:47:16: Sie sagte ich bräuchte mich nicht auf Märchen zu beschränken.
00:47:20: Wenn ich Vögel so liebte könnte ich die beiden Themen auch verbinden Also eine Arbeit über die Symbolik der Vogelaute In der englischen Russischen Spanischen und polnischen Kinderliteratur schreiben.
00:47:33: Ich beherrschte alle vier Sprachen.
00:47:35: Es sollte in meiner Dissertation schließlich darum gehen, zu analysieren wie wir Menschen Vogelmelodien interpretieren und welche Bedeutung wir ihnen zuschreiben.
00:47:45: Früher glaubte man nämlich dass die Vögel zu uns sprechen.
00:47:49: Ich muss sagen das ich über diesen Vorschlag wirklich gerührt war.
00:47:53: In der Grundschule hatte ich gelernt dass sich kaum jemand für Naturgeräusche interessiert Und genauso wenig für Menschen die davon Aufnahmen machen.
00:48:01: Gleichzeitig war auch besorgt weil es kaum Material zur Symbolik gab.
00:48:06: Ich forstete alles durch.
00:48:09: Daraus ergab sich eine dreihundertseitige Arbeit mit fünfundundzwanzig Titeln in der Bibliografie.
00:48:18: Der Stab ist außer Sicht.
00:48:51: Und der Stein kauts?
00:48:53: Ich hörte ihn zum ersten Mal auf Kassette.
00:49:00: Damals war ich dreizehn, mir war sofort klar woher sein Name kommt.
00:49:04: Puitsch!
00:49:05: Putsch!
00:49:06: Geh!
00:49:07: Gehh!
00:49:08: rief er mit ansteigendem Auslaut.
00:49:12: Im Volksglauben gilt er als Vorbote des Todes weil man aus seinen Rufen sinngemäß heraus hört ab in die Grube unter dem Gotteshaus.
00:49:23: Beim Kapitel über die klanglichen Besonderheiten von Kinderlürig hatte ich eine Erleuchtung.
00:49:29: Ich analysierte Wiegendieder, fast in jedem kamen die Worte Luli-Luli vor.
00:49:37: Es macht Sinn!
00:49:38: Ein L klingt sanft wenn man es ausspricht nicht wahr?
00:49:42: Genau wie der Gesang einer Leerche.
00:49:49: Ihre Stimme ist so zart wie die einer Flöte.
00:49:52: Sie bereitet uns Freude weil sie viele L enthält.
00:49:57: Ich brauchte sechs Jahre für meine Dissertation.
00:49:59: Zwei Mal beantragte ich eine Fristverlängerung.
00:50:03: Als ich sie einreichte, enthielten die Gutachten keine einzige Anmerkung.
00:50:08: Ich verteidigte sie im November-Zweißen-Dreiundzwanzig.
00:50:12: Mehr als dreißig Jahre lang dachte ich, du hast der Welt nichts Besonderes zu bieten!
00:50:17: Aber die Welt sah das offenbar anders – ich wurde Englischduzentin und begann am Fremdsprachenzentrum der Universität Danzig zu unterrichten.
00:50:26: In Australien erschienen drei Alben mit Aufnahmen von mir Ebenso in der Slowakei.
00:50:31: In Polen erschien zwei.
00:50:35: Es ging mir nie um Selbstentfaltung Ich wollte einfach meine Aufnahmen mit anderen teilen.
00:50:41: Mir kam auch die Idee, mit ihnen Hospize Pflegeheime Kinderspitaler Psychiatrien und Einrichtungen für Krebskranke zu erreichen.
00:50:50: Vielleicht können Klänge aus der Natur Die Bewohner und Patienten beim Umgang Mit ihren Gefühlen unterstützen?
00:50:58: Die britische BBC hatte eine Sendung produziert, in der ich einen Journalisten und einen befreundeten Kameramann durch die Klanglandschaft des Biajo Vierger Urwals führe.
00:51:09: Der Sender kürte mich im Jahr zwanzig zu einer der hundert einflussreichsten Frauen der Welt, neben Michelle Obama.
00:51:17: Absurd nicht wahr?
00:51:19: Einflussreich aber nicht komplett selbstständig!
00:51:24: Deswegen habe ich meine Zukunft geplant.
00:51:26: Wenn ich später gebrechlich werde oder nicht mehr zurechtkomme, kehre ich sehr wahrscheinlich in die Organisation für Blindenhilfe
00:51:33: zurück.".
00:51:34: Gehe diesmal nach Jujov, wo es ein Heim für blinde Frauen gibt.
00:51:39: Dort werde ich Freundinnen aus dem Gymnasium wieder treffen in ihrer Mitte sterben – versöhnt und ruhig!
00:51:44: Weil Ich Isabella Lüydik in meinem Leben bereits mehr bekommen und erreicht habe als ich je gedacht hätte.
00:52:06: Er schreibt für verschiedene Medien wie Caseta Webortja, Pismo, Magasino Pini oder Newsweek Psychologia.
00:52:15: Der preisgekündte Journalist ist vor allem für seine einfühlsamen Porträts von Menschen bekannt die eher am Rand der Gesellschaft stehen.
00:52:23: Neben dem Journalismus erforschte Wölfe und klärte Öffentlichkeit über sie auf.
00:52:27: dabei verbindete er das erzählen von Geschichten mit seiner Leidenschaft für den Naturschutz.
00:52:32: Die Vogel Queen Die Reportage, die wir so eben gehört haben war unter den Finalisten des weltweit ausgeschriebenen True Story Award.
00:52:39: Der Anfang Juni in Bern verliehen wurde.
00:52:43: Lukas, wann hast du zum ersten Mal von der Vogelkönigin, der blinden Onetologin Isabella Glushik gehört?
00:52:49: Ich habe ihre Geschichte in einer sehr kurzen Notiz in einer Zeitung entdeckt.
00:53:01: Als ich sie gelesen hatte, bekam ich Gänsehaut.
00:53:03: Weil ich sofort wusste dass da eine großartige Geschichte steckt.
00:53:10: Isa war damals bereits von der BBC unter die hundert Einflussleisterfrau in der Welt gewählt worden und trotzdem konnte ich keinen längeren Text über sie finden.
00:53:45: Wie hast du recherchiert?
00:53:47: Hast Du mit ihr nur gesprochen?
00:53:48: oder wie bist du an all die Details ihres Lebens gekommen?
00:54:02: Zunächst einmal habe ich mit Issa gesprochen.
00:54:05: Ich hatte mich vor unseren Trecken vorbereitet, aber wollte alles direkt von ihr erfahren.
00:54:20: Schon vor dem Termin wusste ich, dass ich mich in der Reportage auf die Fügel konzentrieren musste weil sie das strukturelle Rückgrat des Textes reden würde.
00:54:48: Der schwierigste
00:54:48: Teil der Arbeit war nicht die Interview, sondern die Entwicklung der Apflichtstruktur.
00:54:57: Ich habe die Geschichte in drei Akte unterteilt.
00:55:03: Ich habe gehofft, dass es so die Handlung ordnet.
00:55:10: Und der Guide ist ein Jordan in einer clear und engaging way.
00:55:25: Ich musste wissen wo die Wendepunkte liegen, wo die Spannung steigt und wer der Gegenspieler ist.
00:55:30: Und wie ich die Lisa in Isas Welt hineinziehen kann.
00:55:33: Deshalb habe ich aus Ihrer Perspektive geschrieben, dass es eine distanzierte Trockenperson ist.
00:55:50: Es ist Jesus' Blick auf die Welt.
00:55:54: Das hat mir geholfen, ihn mehr zu
00:55:56: kommen.".
00:55:56: Warum hast du diese Form gewählt?
00:55:58: Der Text klingt das würde Isabella Dlujic ihre Geschichte selbst erzählen.
00:56:02: Ist das typisch für dein Schreiben oder war dieser Entscheidung etwas Besonderes?
00:56:07: Nein!
00:56:08: Das war keine außergewöhnliche Entscheidung.
00:56:17: Ich schreibe meistens aus der Sicht meiner Protagonisten vor.
00:56:36: Ich habe sogar ein ganzes Buch aus der Ichverspektive meines Protagonisten geschrieben.
00:56:42: Es erzählt die Geschichte eines Freundes- und Fachgeschäftskapitäns, der vor Somalia entführt wurde.
00:56:59: Und dort in Somalia zweiundachtzig Tage gehalten wurde.
00:57:05: Ich liebe die.
00:57:07: ich Perspektive.
00:57:10: Wie oft hast du Isabella Glushik interviewt?
00:57:19: Am Ende hatte ich etwa zwanzig Stunden Material.
00:57:33: Das waren weit über hundert Word-Seiten.
00:57:39: Nach dem Redigieren und Verdichten, die beide Anfassen von uns der Firschtausendzeichen übrig.
00:58:06: Wie hat Isabella auf den Text reagiert?
00:58:20: Ehrlich gesagt, was für Isa der erste Text die schwierig zu lesen war.
00:58:30: Moment ich suche die Email kurz heraus!
00:58:43: Aber manchmal schmerzhaft ehrlich.
00:58:52: Vielleicht nicht schmerzer, sondern schonungslos ehrlich.
00:58:56: Manches habe ihr Unbehagen bereitet, aber sie sagt auch, das ist die Wahrheit über mich.
00:59:12: Sie ist nicht nur eine Spezialistin für Vogelstimmen, sie sieht nichts.
00:59:15: Sie ist blind!
00:59:28: Sie fand es selbst irgendwie komisch dass ihnen Michelle Obama zu den einhundertreißten Frauen der Welt gezählt wurde.
00:59:35: Gleichzeitig sagte sie Das ist schon seltsam, wo ich nicht einmal alleine in den Wald gehen kann.
00:59:41: Der Wald ist ein gutes Stichwort!
00:59:43: Du hast mir geschrieben dass du nach unserem Interview selbst in einen Wald gehen würdest um nach deinen Wölfen zu sehen.
00:59:49: was hat es damit auf sich?
00:59:57: Natürlich sind das nicht wirklich meine Wölfe.
01:00:00: Die sind wild und leben etwa fünfzehn Kilometer von meinem Zuhause entfernt.
01:00:13: Vor einem Jahr habe ich begonnen, Wölfe zu tracken wegen der Angst.
01:00:20: Ich weiß das klingt seltsam aber in den ersten zehn Jahren meiner Journalisten habe ich über die sehr schwierige Situation von Kindern in Polen geschrieben.
01:00:40: Es
01:00:41: ging um Vergewaltigung, Morde und ähnliche Dinge.
01:00:47: Damals habe ich gar nicht bemerkt wie viel Angst und Schmerz dabei aufgenommen hatte.
01:00:59: Ich erinnere mich an einen bestimmten Moment.
01:01:10: Es war ein Programm über Renovatix, eine Sendung über Hauslawierung.
01:01:21: Das klingt vielleicht lächerlich aber ich begann zu weinen und wusste nicht warum.
01:01:27: Mit der später verstand ich dass diese Tränen mit meiner Arbeit zusammenhängen.
01:01:45: Da nach suchte ich einen ruhigen Ort für mich, und das wurde der Wald.
01:01:55: Dort entdeck dich die Wölfe!
01:02:08: Ich hatte aufgehört, über Kinder zu treiben wegen der Angst und dann beschäftigte ich mich ausgerechnet mit Tieren die ebenfalls mit Angst bekommen werden.
01:02:18: Aber das ist nur ein Klischee.
01:02:20: In Wirklichkeit haben Wolfe Angst vor Menschen.
01:02:25: Ich verfolge ihre Spuren, aber Kameras sind weit ins Talit und kennen die ganze Familie.
01:02:32: Der Vater des Wudels heißt Grom, also Donner auf Deutsch wegen so einer Kraft.
01:02:55: Ich kenne seine Kinder, seine Partnerin alle.
01:03:04: Ich beobachte die Wölfe und leite meine Informationen und Wissenschaftler weiter.
01:03:20: Ich versuche die Welt in meiner Umgebung und den ganz hohen Zuschlüssen, indem ich die Menschen über ihr tatsächliches Leben aufklären.
01:03:28: Vielen Dank lieber Lukasch!
01:03:29: Und viel Erfolg für deine weitere Arbeit.
01:03:32: Danke, darf ich noch etwas Deutsch sagen?
01:03:34: Natürlich.
01:03:38: Ich habe in der Schule einige Jahre Deutsch gelernt aber ich erinnere mich leider nicht mehr an so viele wie ich gerne würde.
01:03:48: So, mein Deutsch ist leider nicht sehr gut.
01:03:51: Aber ich möchte die Lese und sicher herzlich begrüßen.
01:03:57: ausbohlen!
01:04:00: Vielen Dank Lukas!
01:04:03: Und genau dann bis zum nächsten Mal!
01:04:06: See you next time!
01:04:07: Bye bye!
01:04:21: Text Lukas Pilip, Sprecherin Blanka Winkler.
01:04:26: Übersetzung aus dem polnischen Barbara Sauser.
01:04:29: Interview Dimitri Gavrisch mit Lukas Pilot.
01:04:33: Redaktion und Konzept Dimitrik Gavrisz und Monika Gies.
01:04:36: Sounddesign Benjamin Rudert.
01:04:39: Ein herzlichen Dank an Isabella Dlužić die uns ihre Aufnahmen der Vogelstimmen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
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